Montag, 2. Januar 2017

Zurückgeblättert: 2016 - Weltverändernd?

2016 - Das Jahr der Entscheidungen.
2016 ist für mich sowohl ein Jahr, welches von politischen Entscheidungen geprägt wurde, die die Welt scheinbar verändert haben. Es scheint aber auch ein Jahr zu sein, das zeigt, dass die Welt sich bereits verändert hat. Es sind vielmehr die Konsequenzen, die in politischen Handlungen, Volksentscheiden und Wahlen erkennbar werden. Der folgende Artikel ist ein Kommentar über eine Auswahl besonderer gesellschaftlicher und politischer Ereignisse aus dem  vergangenen Jahr 2016. Da ich zum Teil auch während des Jahres über diese Themen geschrieben habe, gibt es nicht nur eine Zusammenfassung, sondern auch Links zu meinen Artikeln. So könnt ihr im wahrsten Sinne des Wortes zurückblättern. Viel Spaß bei diesem Zurückblättern, Erinnern und beim noch einmal Miterleben. Hier lest ihr nun die Welt in 2016 (in Auszügen).


Was ist bloß los in der Welt?

Trump, der Brexit und die AfD haben eines gemeinsam, da die Phänomene alle für mich Fragen aufwerfen:

Was ist bloß los in der Welt? Warum entscheiden alle plötzlich so weltverändernd? Woher kommen eigentlich dieser Fremdenhass, die Politikverdrossenheit und die Euroskepzis? Wann genau ist diese allgemeine Unzufriedenheit global chronisch geworden? Es scheint wieder einen fruchtbaren Boden für Feindbilder und Stimmungsmache zu geben. 2016 wirkt wie ein Jahr der Entscheidungen im Spiegel des Feindbildes.

Amerika im neuen Licht -
Donald Trump wird Präsident
der Vereinigten Staaten
AfD - Die AfD wird in Landtage gewählt. Ein Politiker wird sogar Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, obwohl seine Parolen radikal, frauenverachtend und rassistisch waren. Da kann man sich schon mal fragen, ob die Welt 2016 nicht ein bisschen verrückt geworden ist. Ich habe selten in der Geschichte über erfolgreiche politische Systeme und Regierungen gelesen, die auf Feindbildern oder Fremdenhass fußen. Haben wir nicht gelernt aus historischen Ereignissen und verlernen die Gegenwart kritisch zu reflektieren?  

Donald Trump - 2017 wird zeigen, wie beunruhigend die Wahl Trumps zum Präsidenten wirklich ist.  Das entscheidende Ergebnis war zumindest für viele, wie auch mich, irgendwie ein Schockzustand. Ich gebe zu, dass ich den Sieg Trumps vor dem Wahltag nicht erwartet hatte, da er so irreal schien. Die Mentalität der Amerikaner scheint nun mal anders, aber letztendlich sind sie in ihrem Denken auch gleich. Fremdenhass existiert überall. Anders ist zumindest aber das komplexe Wahlsystem. Bis auf wenige Ausnahmen, gilt bei der Präsidentschaftswahl in den USA das "The Winner takes it all Prinzip". Derjenige Kandidat, der sich in einem Staat die meisten Wählerstimmen sichert, erhält alle Wahlmännerstimmen. Insgesamt muss man sich die Stimmen von 270 Wahlmännern für den Sieg sichern. Trump sicherte sich die Stimmen in wichtigen Swing States wie unter anderem Florida, Wisconcin und Ohio. Swing States sind solche Staaten, die als Wechselwähler-Staaten bekannt sind und in denen daher keine strukturelle Mehrheiten für die Demokraten oder Republikaner bestehen. So gelang es Trump am 08. November, die notwendigen Mehrheit an Wahlmännerstimmen in den USA für sich zu gewinnen. Womöglich ist Amerika zudem noch nicht für eine PräsidentIN bereit. Es ist noch nicht bereit für eine Merkel. 
Angela Merkel - Letztere hat allerdings dieses Jahr bekannt gegeben, bei der nächsten Wahl noch einmal anzutreten und das dann bereits zum vierten Mal. Es bleibt abzuwarten, wie sehr sich die Entwicklung der Ära Kohls wiederholt. Angela Merkel ist zu einer politischen Persönlichkeit "herangewachsen", zu der nicht ohne Grund die internationalen Oberhäupter respektvoll hochschauen. Dennoch bin ich mir alles andere als sicher, ob diese Entscheidung zum erneuten Wahlantritt von Merkel so diplomatisch gewesen ist. 

Großbritannien entscheidet sich
für den Ausstieg aus der EU
Brexit - Die Entscheidung zum Brexit war genauso unwirklich wie der Sieg Trumps. Die Briten sind eben auch anders. Vielleicht begreifen die Briten ja doch noch, welche Vorzüge die EU hat, dachte ich mir anfangs. Die Entscheidung zum Brexit machte sich umgehend nach dem Volksentscheid am 23. Juni bemerkbar. Nach der Volksbefragung trat nicht nur Premier Minister David Cameron zurück, sondern das nationale Wirtschaftssystem wurde geschwächt, der Pfund verlor an Wert und nach außen schien es ein zerklüftetes Europa zu geben. In globalen Zentren wie London erkannte man die möglichen verheerenden Folgen bereits vorher. Die Skeptiker befinden sich vor allem in den ländlichen Regionen, denen der Bezug womöglich fehlt. Nun wird der Ausstieg aber immer realer. Im Moment gibt es sogar schon einen relativ fixen Zeitpunkt, zu wann Großbritannien die EU verlassen soll, nun unter Premierministerin Theresa May. Wenn es so stimmt, wie der Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier verkündete, sollen die Austrittsverhandlungen schon 2018 beendet sein. Inklusive der Ratifizierungen soll es innerhalb der im Gesetz stehenden drei Jahre zum Ausstieg kommen. Die Briten sollen sich dabei Barnier auch keine Rosinen herauspicken können. Ein Zusammenschluss bedeutet, zu kooperieren und Verpflichtungen einzugehen. Eine davon ist es, sich untereinander und damit auch schwächeren Staaten in Krisen zu unterstützen. Die Freizügigkeit im Wirtschafts- und Arbeitsmarkt wird zum Beispiel mit einem Austritt der Briten wesentlich eingeschränkt werden. Es wird eben gern vergessen, was EU auch bedeutet. Das gemeinsame politische und wirtschaftliche System beinhaltet auch Rechte und Chancen und bietet damit den Mitgliedern wesentliche Vorteile und Vereinfachungen im gemeinsamen Alltag. 

Unsere Grundwerte sind Rechtsstaatlichkeit, Schutz der Menschenrechte, Demokratie und Frieden. Ziel ist es gemeinsame Standards in Politik und Wirtschaft zu setzen, um gemeinsam stark zu sein und zu bleiben. Wir leben doch eigentlich nicht mehr im merkantilistischen Mittelalter - oder doch? 

Minderheitenschutz und Pressefreiheit adé - so heißt es zumindest auch in der Türkei. Journalisten leben immer mehr in Gefahr und werden vom Staat kontrolliert. Akademiker können nicht mehr so einfach ausreisen.
Selbst die Presse in anderen Ländern kontrolliert Erdogan. 

Meine Helden des Jahres

Böhmermann Affäre: Satire- und Meinungsfreiheit
auf dem Prüfstand
Böhmermann Affäre - Nun kennt jedenfalls aber deshalb jeder den Moderatoren Jan Böhmermann. Für mich ist er einer DER Helden 2016. Der Fall Böhmermann zeigte leider auch, wie schnell Meinungs- und Satirefreiheit auf dem Prüfstand stehen können, selbst in Deutschland. Es entfachte eine deutschlandweite und sogar über die Grenzen hinausgehende Diskussion, ob das sogenannte Schmähgedicht Böhmermanns zulässig als Satire oder eine Beleidigung an der Person Erdogan selbst war. Außerdem zeigte die Affäre, dass internationale Kooperationen beeinflussen können. Erdogan kannte nach der Flüchtlingsdebatte zwischen Türkei und Deutschland seine mögliche Macht. Es ist die Macht des Beleidigten. Der Anklage Erdogans wurde nach Paragraph 103 StGB stattgegeben. Der Paragraph besagt, dass jemand der ein ausländisches Staatsoberhaupt beleidigt, angeklagt werden kann.
Böhmermann ist einer meiner persönlichen Helden des Jahres 2016. Er hat gezeigt, wie wichtig es ist, freie Meinungen zu äußern. Die Macht der Beleidigten hat gegen die Macht von Pressefreiheit verloren. Es ging um Satire, nicht um die Person. Daher gab es auch Rückendeckung von Prominenten wie Oliver Kalkofe sowie von einem Großteil der Bevölkerung. Letztendlich hat Böhmermann sogar bewirkt, dass ein ganzer längst überholter Strafrechtsparagraph abgeschafft wurde. 

Boateng und die Fußball EM - Ein weiterer Held für mich ist Fußballer Jerôme Boateng. Für mich ist er mein Nachbar. Die Anschuldigungen von AfD Vize Alexander Gauland: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ prallten an ihm zum Glück ab. Auch wenn es Leute gibt, die so denken, zeigte dieser Fall wie widersprüchlich und gehaltlos Sprüche der Fremdenfeindlichkeit sein können. Hautfarbe als Kriterium, wer mein Nachbar sein soll? In welcher Welt leben wir noch einmal?
Bei der Fußball EM waren sich dann tatsächlich alle einig, dass Boateng wahre Qualitäten eines Helds aufbringen kann. Er erzielte sein erstes Länderspieltor gegen die Slowakei. Aber auch seine Rettungsaktion im ersten Spiel gegen die Ukraine war mein Favoritenmoment der EM. Um ein mögliches Gegentor zu verhindern, traf er anfangs den Ball unglücklich, was fast zu einem Eigentor führte. Den schoss er allerdings gekonnt selbst wieder aus dem Tor. Der EM-Sieg von Portugal war ähnlich überraschend. Ein Sieg kann eben manchmal auch mehr durch Glück entstehen. Sonst das Leben.

Stilles Gedenken


Das Jahr der gestorbenen Ikonen: Dann gibt es allerdings noch andere Helden, die wir leider 2016 verabschieden mussten. Es schien das Jahr der Nachrufe von Ikonen. Schon Anfang des Jahres schrieb ich einen Artikel, weil für mich Helden meiner Kindheit und Vorbilder gestorben sind - Peter Lustig, Roger Willemsen, David Bowie und Alan Rickman. Doch das Jahr stand im Stern des Gedenkens. Sie wurden Helden und bleiben Helden, in dem sie unvergessen bleiben. So kamen weitere Ikonen dazu, die das Zeitliche segneten.
Rest in Peace und eine gedankliche Schweigeminute an folgende nationale Helden: 

Roger Willemsen, 07.02. (60), Peter Lustig, 23.02. (78), Roger Cicero, 24.03. (45), Guido Westerwelle, 18.03.(54) und Hans Dietrich Genscher 31.03. (89), Götz George, 19.06. (77) und Manfred Krug 21. Oktober (79).

Internationale Helden, die dieses Jahr starben, sind unter anderem:
David Bowie, 10.01. (69) Alan Rickman, 14.01. (69), Prince 21.04. (57), Bud Spencer, 27.06. (86), George Michael 25.12. (53) und Carrie Fisher 27.12. (Prinzessin Leila - Star Wars) (60).

Letztendlich möchte ich weiter gedenken. Der Krieg in Syrien ist ein polarisierender Krieg. Das Ausmaß des Krieges in seiner zeitlichen und räumlichen Dimension ist kaum vorstellbar. Er wirkt so ergreifend, unfassbar und aussichtslos. Zum einen ist er Alltag geworden und es wird stetig in den Medien darüber berichtet. Zum anderen führt es aber auch dazu, dass durch die alltägliche Aussichtslosigkeit Berichte untergehen. Ich möchte nun vielmehr der unschuldigen Opfer gedenken. Es folgt eine weitere Schweigeminute. Denn ich betone, es trifft Unschuldige.

Wir sind ein Berliner


"Schaut auf diese Stadt!" (Ernst Reuter 1948)
Breitscheidplatz - Es war diesmal so nah und zu einer für die Deutschen wichtigsten Zeit im Jahr, in der Vorweihnachtszeit. Am 22. Dezember um 20:02 Uhr fuhr ein Sattelschlepper auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zu. Dabei kamen 12 Menschen ums Leben und viele Menschen wurden verletzt, einige dabei auch schwer verletzt. Es veranschaulicht die Provokation. Es ist auch die Unberechenbarkeit mit der Terrorismus spielt. Ich wohne noch nicht mal so weit weg vom Tatort. Selbst wenn ich den für mich zu touristischen Weihnachtsmarkt bisher mied, so hätte ich doch den Breitscheidplatz zur Tatzeit zufällig überqueren können. 
Die Unberechenbarkeit sollte uns aber nicht so vereinnahmen. Sie sollte sich nicht zur chronischen Angst entwickeln oder uns in Panik versetzen, sodass wir zu einer  Versicherheitlichung tendieren. Denn Sicherheitskontrollen führen nicht zu mehr Sicherheit. Freiheit sollte weiterhin unser höchstes Gut sein und so sollten wir weiterleben. Für Freiheit und Mut für unseren Lebensstil und Moderne zu kämpfen, ohne der Angst zu folgen - das sind wahre Widerstände, die wir zeigen können und sollten. Das sollte 2017 so bleiben. Nahe der Gedächtniskirche findet sich derzeit ein Meer aus Blumen und Kerzen. Es ist ein bewegender Anblick und soll der Opfer gedenken und Beistand für die Angehörigen signalisieren. Auch ich gedenke, denn in solchen Momenten sind wir alle Berliner, nicht nur John F. Kennedy.



"Ich bin ein Berliner" ( John F. Kennedy 1963)


Aber es gab auch schöne Momente...

Bei all den bewegenden und überraschenden Ereignissen, die wohl eher ein negatives Licht auf das Jahr 2016 zu werfen scheinen und neben all dem Leid, Gewalt und Angst, vergisst man gern die positiven Dinge. Aber es war doch nicht alles schlecht im Jahr 2016:

- Leonardo Di Cabrio gewinnt seinen ersten Oscar, endlich!
- Deutschland wird im Herren Handball Europameister
- Die deutsche Fußballnationalmannschaft besiegt in einem internationalen Länderspiel      Italien
- Die Plastiktüte wird mehr und mehr aus den Läden verbannt. Es lebe die Umwelt.
- Gravitationswellen werden entdeckt. 
- Toni Erdmann ist die deutsche Hoffnung für den Oscar.
- Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis.
- Brad Pitt und Angelina Jolie trennen sich.

- Das mit der Integration geht so seinen Gang in Deutschland, auf jeden Fall entstehen viele Integrationsprojekte.
- Kolumbiens Regierung schließt Frieden mit der FARC, auch wenn der Friedensvertrag von der Bevölkerung vorerst abgelehnt worden ist. Präsident Juan Manuel Santos erhält den Friedensnobelpreis.
- Kuba öffnet sich.
- In Myanmar findet die Militärdiktatur ein Ende und wählt einen zivilen Präsidenten

Jugendwort des Jahres 2016 wurde "Fly sein" und schlägt Wörter wie Tindergarten. Fly sein bedeute soviel wie, jemand gehe besonders ab.

Wort des Jahres 2016 wird 'Postfaktisch', was bedeutet, dass es immer mehr um Emotionen statt Fakten ginge. 

Emotionen sind zwar gut, aber Fakten auch. Mein Aufruf daher an 2017: Bitte weniger Fremdenhass und Vorwürfe der sogenannten Lügenpresse. Die Bevölkerung sollte wieder mehr an Fakten glauben und für Wahrheit und Demokratie plädieren. Emotionen dürfen dabei gern trotzdem gezeigt werden.

Passende Artikel von Luise blättert auf:
Ein Nachruf an... (03/2016)
Ein Experiment. Kann Integration funktionieren? (04/2016)
Die Absurdität der Realsatire (04/2016)
Mit Qualität bitte!! Für Qualitätsjournalismus als Mainstream-Phänomen. (09/2016)
Sweet November in Edinburgh (Urlaubsbericht und Kommentar zum Brexit) (12/2016)

Weiterführende Links:
Handelsblatt: Die Präsidentsschaftswahl: The Winner takes it all Prinzip (10/2008)
Kalkofes Kommentar zur Satirefreiheit (04/2016)
FAZ.net: Gauland beleidigt Boateng (05/2016)
Böhmermanns persönliche Stellungnahme zur Affäre
NDR: Der Fall Böhmermann. Eine Chronologie (11/2016) 
Süddeutsche-Online: EU will Brexit-Verhandlungen bis 2018 abschließen (12/2016)
Zeit.Online: Was wir über den Anschlag in Berlin wissen  (12/2016)
Zeit-Online:71 Dinge, die in diesem Jahr gut waren (12/2016)
ARD Jahresrückblick 2016 (12/2016)

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